
Wer sich schon einmal gefragt hat, wie weit Menschen gehen, um sich einen Drink mit Stil zu gönnen, der war vermutlich noch nie in einer Rooftop-Bar, während der DJ den neusten Ibiza-Beat Richtung Atmosphäre ballert. Weltreise? Vergessen Sie Everest-Besteigungen oder Yoga-Retreats – der eigentliche Trendsport heißt: Barhopping in den skurrilsten, teuersten und bizarrsten Etablissements dieses Planeten.
Von der Hotelbar bis zur Cocktailkathedrale – wo Promille Karriere machen
Beginnen wir unsere ironisch-brisante Reise doch in den Urbanen Biotopen, wo alles begann: Großstadthotels, denen ein Barkonzept eingepflanzt wurde, weil irgendwer mal gelesen hat, dass Hotelgäste auch gerne mal einen Negroni trinken, bevor sie sich über das WLAN-Budget beschweren. Die American Bar im Savoy London etwa träumt offenbar davon, dass Humphrey Bogart leise „Here’s looking at you, kid“ ins Olivenglas haucht, während Influencer mit WLAN-Tattoos ihre Follower anpöbeln.
Motto? Motto! – Wenn der Kellner Astronaut im Nebenberuf ist
Natürlich gibt es auch Bars, die sich durch besonders innovative Konzepte auszeichnen. Die einen machen das ganz subtil, schlagen die Drinks auf der Rückseite der Speisekarte vor – andere werfen einem gleich einen Raumanzug über den Tresen, damit man stilecht im „Space Odyssey“-Stil seinen Sauerstoffsprudel (Gin Tonic) schlabbern kann. Wer es noch extravaganter will, kann in Tokios Robot Restaurant zwischen Laserstrahlen, Roboter-Ballerinas und Animatronik-Nashörnern eine Melone Sour schlürfen. Guter Geschmack hat im Zweifelsfall eben wenig mit Ästhetik, aber umso mehr mit Reizüberflutung zu tun.
Kurort, Ski, Glücksspiel – Wetten, dass Sie einen Drink brauchen werden?
Kurorte sind eigentlich für Entspannung bekannt. Doch nach der dritten Schlammpackung und No-Carb-Suppe wird auch der größte Gesundheitsapostel schwach: Bitte bringen Sie mir irgendetwas Alkoholisches – und zwar jetzt! Ob einer der gefühlt fünfzehntausend Wellness-Hotelbars im Schwarzwald oder das extravagante Ice Bar in Stockholm (komplett aus Eis, damit auch wirklich alles erfrischend bleibt), irgendwo wird schon ein Detox-Spritz zur Verfügung stehen. In den Skigebieten wiederum hat sich der Aprés-Ski etabliert, wo schon mittags der Prosecco fließt, weil man sich für die Heldentat zelebrieren muss, auf Skiern lebend am Tagesziel angekommen zu sein.
Die Rooftop-Bar – ihr heutiger Drink schwebt 200 Meter über dem Alltagswahnsinn
Rooftop-Bars sind die neue Religion urbaner Sünden. In Singapur etwa lockt die CE LA VI Bar im Marina Bay Sands hoch oben Touristen und Banker gleichermaßen an. Man prostet sich zu, lässt den Blick über den Milliardenstapel an architektonischer Eitelkeit schweifen und seufzt, weil der Gin Tonic zwar teuer, aber immerhin Instagram-tauglich ist. „Einmal alles aufs Haus?“ wäre schön, doch meist bleibt es beim Dasein als High Society Würdenträger im Schnappsglas. Auch in New Yorks The Press Lounge wird mehr fotografiert als getrunken – der eigentliche Rausch besteht hier in Pixel statt Promille.
Preise, Preise, Preise – Diese Bars lieben Trophäen
Was zählt als wahre Exzellenz in der Barkultur? Natürlich: ein Preis, am besten jährlich und mit so komplizierten Juryregeln wie die Oscar-Verleihung für den besten Soundeffekt in schwarzweiß. Die Dead Rabbit Grocery & Grog in New York hat schon so viele Trophäen gewonnen, dass ihre Barkeeper vermutlich im Pokalfach schlafen. Oder die Dandelyan Bar in London (inzwischen umbenannt, aber wir bleiben altmodisch), deren botanisch entspannte Cocktails die internationale Presse jedes Jahr in Ekstase versetzt. Kurioserweise sind solche Bars oft zu überlaufen, dass man am Ende für einen Hauch von Ruhm und einen Schluck Gin mehr Zeit im Selfie-Modus als im eigentlichen Gespräch verbringt.
Wenn die Bar selbst zur Medienikone wird
Manche Lokale werden nicht wegen ihrer Karte berühmt, sondern durch einen Auftritt in Serie oder Film. Die legendäre SkyBar im Mondrian Los Angeles etwa – ein Ort, an dem man sich fühlen darf wie eine Nebenrolle in „Entourage“, solange man den Dresscode beachtet und einen festen Händedruck mitbringt. Oder das winzige „Bar Benfiddich“ in Tokyo, das es mit einem einzigen Instagram-Post zur internationalen Legende gebracht hat. Wer sich hier langweilt, ist womöglich einfach nicht bereit, 25 Minuten einem Bartender zuzuschaun, wie er mit botanischer Hingabe Kräuter in einen Drink diktiert.
Trinksprüche auf dem Vulkan – Warum Bars die besseren Treffpunkte sind
Ob gläserne Skybar, schäbige Kneipe oder Casino-Lounge: Überall wird das große Gesellschaftsspektakel gefeiert. Warum? Weil die Bar der letzte Abenteuerspielplatz urbaner Erwachsenen mit Hang zum gepflegten Motivationsdrink ist. Wer heute als Hipster der Nacht gelten will, sucht nicht mehr nach dem besten Wein auf der Karte, sondern nach der peinlichsten Getränkekombination oder der viralsten TikTok-Kulisse. Schön, dass weltweit so viele Orte bereit sind, diesem Wahnsinn eine Bühne zu bieten.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Bars sind wie das echte Leben – voller eigenwilliger Typen, zu lauter Musik und Drinks, deren Preis-Leistungs-Verhältnis irgendwo zwischen Staatsverschuldung und Fernweh pendelt. Aber gerade deshalb sind sie so einzigartig: Als Spiegelbild jener Gesellschaft, die erst nach dem dritten Mojito zu ihrem wahren Selbst findet – und sei es nur bis zum nächsten Morgen, wenn die Rooftop-Idylle zum Schädelbrummen von der Hotelbar wird.
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