
Vergessen Sie alles, was Sie über Bars wissen. Die Welt ist voll davon, und jede behauptet (natürlich höchst bescheiden), das Nonplusultra zu sein. Einige Bars betreten gar nicht erst das Rennen um Authentizität, sondern springen lieber kopfüber in den Pool des Exzesses – selbstverständlich in drei Meter hohen High Heels. Was gibt es denn langweiligeres, als einfach nur einen Drink zu nehmen? Genau!
Meisterwerke der Mixologie – oder Drinks, die keiner versteht
Irgendwo in Manhattan, zwischen Hochhäusern und schlecht gelaunten Hipstern, befindet sich eine Bar, die einst einen Preis für den „innovativsten Gurken-Cocktail“ gewann. Leider weiß heute niemand mehr so recht, warum. Getränkekarten sind hier keine Lesewerkzeuge mehr, sondern psychedelische Psychogramme der Barkeeperseele. Wer etwas Normales bestellt, wird mitleidig angeschaut, als hätte man gerade ein Dosbier verlangt. Es gibt Bars, die mixen Kundenwünsche mit der gleichen Leidenschaft wie einen geplatzten Yogakurs.
Rooftop-Bars – warum trinken, wenn man auch frieren kann?
Der Luxus der Höhe: In Asiens Metropolen oder zwischen den Alpen gibt es keine Adresse ohne Rooftop-Bar. Wer will schon achtlos unten im Warmen sitzen, wenn oben auf 38 Metern der Wind den weißen Schaum kunstvoll aus dem Glas pustet? Die Aussicht, so wird stets versprochen, ist sensationell – und lenkt gnädig vom seelenlosen Aperol ab, der für den Preis eines gebrauchten Kleinwagens ausgeschenkt wird. Rooftop-Bars funktionieren vor allem durch die Hoffnung, dass der Sonnenuntergang einen Moment der Erleuchtung schenkt. Spoiler: Das Licht geht meistens über den Preisen auf.
Zuhause ist da, wo der Plüsch klebt: Motto-Bars
Motto-Bars sind das Panoptikum menschlicher Trinkfantasien: Wilder Westen, Unterseeboote, viktorianische Teestunden. Die Devise lautet je kitschiger, desto preisverdächtiger. In Las Vegas – dem bierselig gewordenen arkadischen Albtraum – gibt es eine Titanic-Bar (ja, unterhalb der Wasserlinie) mit originalgetreuer Eisscholle im Drink, garantiert ohne Überlebensgarantie. Was ist bierernster als ein Casino mit angegliederter Punk-Bar? Genau, eine Karaoke-Lounge im Mittelalter-Look, in der man die Queen auf Lederstühlen besingt.
Hotelbars: Wo Träume an gläsernen Theken zerbrechen
In Fünf-Sterne-Hotels wimmelt es von Bars, die vor allem ein Ziel kennen: den Cocktail möglichst photogen zu inszenieren. Berlin, Paris, Dubai – überall nippen Geschäftsreisende kunstvoll an Gin Basil Smashes, während sie darüber nachdenken, welche Körperteile sie für einen zweiten Drink verkaufen könnten. Je exklusiver das Hotel, desto mystischer der Barkeeper. Man erkennt ihn an seinem Dreitagebart, der Mischung aus Karamell und Verachtung im Blick und der Tatsache, dass er niemals lächelt. „Signature Drink“ ist ein Euphemismus für: Hier wird nie zweimal das Gleiche ausgeschenkt, zum Leidwesen aller, die einmal einen vernünftigen Whisky Sour erlebt haben.
Skihütten und Kurorte – Komatrinken mit Wellness-Faktor
Die Ski-Saison ist eröffnet! Zeit, den müden Körper für zehn Euro den Schnaps literweise ins Gefüge zu schütten. Ganz nach alter Tradition gehört zur Skibar immer auch eine Tribüne für die Schaulustigen, die beobachten wollen, wie gestandene Erwachsene im Bananenkostüm zu „Atemlos“ eskalieren. Kurorte sind noch einen Drink raffinierter: Hier trinkt man sprudelndes Mineralwasser aus der Goldrandtasse, das mit Wodka als Gesundheits-Booster vermarktet wird. Wer braucht schon einen Spa-Besuch, wenn die Bar nebenan chlorreiche Margarita serviert?
Bars und Medien – eine Liebe auf Schlagzeilen
Jede halbwegs interessante Bar – von London bis São Paulo – hat heute ein Influencer-Etikett und irgendeine mediale Seltsamkeit nachzuweisen. Ob ein Barbetrieb einen Preis als „Instagrammable Place“ bekam oder seine Drinks in Ananas-Schuhen servierte, spielt keine Rolle mehr. Hauptsache, irgendjemand hat es gepostet und mindestens 38 Follower haben „wow“ getippt. Die Medien stürzen sich auf neue Eröffnungen und berichten von „urbanem Lebensgefühl“ – dabei ist der Gin Tonic seit 200 Jahren identisch lauwarm und mit Gurkenscheibe versehen.
Wer Bars wirklich versteht, weiß, dass es schon lange nicht mehr um das Getränk geht – sondern um Rituale, Posen, und das gute Gefühl, sich für einen Moment in einer Inszenierung aus Licht, Glas und Sound wichtiger zu fühlen als bei der Arbeit. Diese Orte erinnern uns daran, dass die Weltbühne der Trinkkultur keine Frage des Drinks, sondern des schillernden Drumherums ist. Prost darauf, dass wir es lieben, dort zu sitzen, zu frieren, zu zahlen – und es immer wieder zu tun.
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