
Es gibt wahrlich weit bedeutendere Probleme auf diesem Planeten – zum Beispiel das Ende des Universums, die Frage nach außerirdischem Leben oder warum im deutschen Fernsehen noch immer Krimis produziert werden. Aber lassen wir doch die Weltraumforschung beiseite und wenden uns einer viel dringlicheren Frage zu: Wo trinkt man eigentlich heute? Denn Bars, meine Damen und Herren, sind schon lange nicht mehr nur Orte, an denen der wacklige Holztresen und der Barkeeper mit dem traurigen Blick auf zahlungsunwillige Stammgäste warten.
Willkommen im internationalen Nippen-und-Nippen-lassen
Wer heutzutage was auf sich hält, der nippt exklusiv – und möglichst hoch über dem Boden, versteht sich. In der „Ozone Bar“ im 118. Stock des Ritz-Carlton Hongkong erhält der Begriff „Abhängen“ eine ganz neue Dimension. Ein Highball auf 480 Metern Höhe? Kein Problem. Und weil sich das alles irgendwie nach Extremsport anfühlt, kann man sich als urbaner Gipfelstürmer gleich doppelt feiern lassen. „Selfie-mäßig unterm Stratosphärenschild“ trifft den Vibe hier besser als jede Getränkekarte – und die ist dabei so stylisch wie das Interieur: neonviolett, schick und garantiert Instagram-tauglich.
Atmosphäre als Event: Wer noch liest, geht längst nicht mehr aus
Nur was als „Event“ verkauft wird, ist heute gesellschaftsfähig. Wer in die Geschichte eingehen möchte, sollte dringend in der „Dandelyan Bar“ (London) einen Drink nehmen – sofern er rechtzeitig reserviert hat. Hier mixt man nicht nur Cocktails, hier veranstaltet man sensorische Offenbarungen (und das selbst dann, wenn die Bar 2019 offiziell zugesperrt hat, weil ihr Gründer neue Experimente wagen wollte – Ironiepreis und Medienhype inbegriffen). Das eigentliche Hauptgericht sind sowieso die Storys, die sich nach dem vierten Drink in abenteuerliche Romane verwandeln.
Die Unfassbaren: Konzeptbars mit Mission
Manche Bars – in Berlin, New York oder Tokio – existieren auf der Suche nach dem nächsten trendigen Lebensgefühl. In der „Icebar Stockholm“ wird das Eis nicht nur gebrochen, sondern gleich die ganze Bar drumherum gebaut. Trinkgefäße? Natürlich auch aus Eis. Das Motto: „Wir nehmen coole Drinks sehr, sehr wörtlich.“ Wem dabei zu kalt wird: Einfach weiter nach Las Vegas. Im „The Chandelier“ im Cosmopolitan-Hotel trinkt man schlechterdings in einer riesigen Kristallleuchte. Wer dem Barkeeper zuwinkt, sollte allerdings aufpassen, nicht auf die nächste Kette aufgespießt zu werden.
Skybars: Höhenflüge mit Hangover-Garantie
Die urbanen Himmelsstürmer schwören auf Skybars, Rooftop-Flair und die Möglichkeit, ihre Cocktailkreationen vor der Kulisse einer Millionenstadt zu schlürfen. Kein Wunder: In Bangkok füllt die „Sky Bar“ im Lebua State Tower beinahe täglich Weltpresse und Tiktok-Reels, weil hier schon mal der ein oder andere Hollywoodstar vor der Kamera betrunken wurde. Steile Aussicht, steiles Preisniveau, und der Wind verweht den letzten Zweifel, ob man vielleicht doch die Bahn nehmen sollte. Wer neben dem Gin Tonic auch eine porentiefe Bräune riskieren möchte, dem seien die Beachclubs von Ibiza empfohlen – und das ganz ohne Dresscode. Außer vielleicht: Badeschlappen in Goldglitter.
Motto total: Bars für Sinnsucher und Nostalgiker
Gefragter als je zuvor: Thematische Zufluchtsoasen für alle, denen das Normale zu gewöhnlich geworden ist. In der „Alux Cave Bar“ auf Yucatán speist man in einer echten Höhle, falls das nächste Erdbeben bei Drinks erträglicher gemacht werden soll. Dem Vernehmen nach schmeckt der Mezcal dort erdig – wie der Humor des Personals. Oder die „Ballie Ballerson“ in London: Erwachsene ersaufen im Bällebad selig all ihre Jugendtraumata und können so zum ersten Mal nüchtern sagen: „Ich glaub, ich hab mein Handy verloren!“
Stolz wie Medaillenträger: Bars mit Preisen und Pressestimmen
Jede Hauptstadt, die etwas auf sich hält, hat längst eine Bar mit dem Prädikat „Beste Bar der Welt“ – „The American Bar“ im Londoner Savoy Hotel etwa, wo schon Frederick Forsyth seine Martinis schütteln ließ. Preise regnen jährlich auf Bars in Barcelona, Buenos Aires oder auch Wien herab, ganz zu schweigen von den internationalen Medien-Outlets, die zwischen Barkarte und Barhocker routieren. Neueste Errungenschaft der modernen Bartender-Kaste: Signature Drinks, die angeblich nach „Waldboden Morgens um fünf“ schmecken. Das erinnert an die guten alten Zeiten, als man heimlich auf dem Zeltplatz eine Krone Weinbrand kippte.
Es zeigt sich, dass Bars heutzutage eher Gesamtkunstwerke als schlichte Zapfstationen sind. Wer clever ist, trinkt nicht nur auf die Aussicht, sondern nippt genüsslich am Geist der Zeit. Ob mit molekularer Schaumkrone, im neobarocken Kristallkäfig oder betont lässig im Bällebad – die Welt der Bars ist ein faszinierender Spiegel für unsere Sehnsucht nach Einzigartigkeit. Und ganz ehrlich: Wo sonst dürfen Erwachsene so stilvoll albern sein?
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